Lars Dreiucker *1983 Philosopher, Curator

 

The Tourist - Wider das spurenlose Leben

Guten Abend.
Recht untypisch für mich möchte ich mich im Namen der Rationalität und der logisch-philosophischen Konsistenz bei Ihnen entschuldigen. Denn ohne Schuld so könnte man meinen läßt sichs besser denken, dann wären Habermas und Konsorten zwar schlechte Denker aber wieso auch nicht.
Sie sehen schon wo es hingeht. Der folgende Vortrag ergibt sich in Widersprüchen, Tautologien und jede Menge an Phänomenbeispielen die falschverstanden werden können, wobei es ein richtig nicht geben wird. Der Vortrag versteht sich als Fragenkatalog an eine zeitgenösssiche Gesellschaft. Aber selbst das ist schon ein zu großes Vorhaben. Aber solche Vorhaben haben immer zwei Seiten, etwas lächerliches und heldenhaftes. Und ob diese beide Seiten getrennt oder zusammenbleiben sollen kann dann der Zuhörer dann auch mal selber entscheiden.
Nun aber zum Thema.


 Lesebuch für Städtebewohner

I

Trenne dich von deinen Kameraden auf dem Bahnhof
Gehe am Morgen in die Stadt mit zugeknöpfter Jacke
Suche dir Quartier und wenn dein Kamerad anklopft:
Öffne, o öffne die Tür nicht
Sondern
Verwisch die Spuren!

Wenn du deinen Eltern begegnest in der Stadt Hamburg oder sonstwo
Gehe an ihnen fremd vorbei, biege um die Ecke, erkenne sie nicht
Zieh den Hut ins Gesicht, den sie dir schenkten
Zeige, o zeige dein Gesicht nicht
Sondern
Verwisch die Spuren!

Iß das Fleische das da ist! Spare nicht!
Gehe in jedes Haus, wenn es regnet, und setze dich auf jeden Stuhl, der da
ist
Aber bleibe nicht sitzen! Und vergiß deinen Hut nicht!
Ich sage dir:
Verwisch die Spuren!

Was immer du sagst, sag es nicht zweimal
Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn.
Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ
Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat
Wie soll der zu fassen sein!
Verwisch die Spuren!

Sorge, wenn du zu sterben gedenkst
Daß kein Grabmal steht und verrät, wo du liegst
Mit einer deutlichen Schrift, die dich anzeigt
Und dem Jahr deines Todes, das dich überführt!
Noch einmal:
Verwisch die Spuren!

(Das wurde mir gesagt.)

8

Laßt eure Träume fahren, daß man mit euch
Eine Ausnahme machen wird.
Was eure Mutter euch sagte
Das war unverbindlich.

Laßt euren Kontrakt in der Tasche
Er wird hier nicht eingehalten.

Laßt nur eure Hoffnungen fahren
Daß ihr zu Präsidenten ausersehen seid.
Aber legt euch ordentlich ins Zeug
Ihr müßt euch ganz anders zusammennehmen
Daß man euch in der Küche duldet.

Ihr müßt das ABC noch lernen.
Das ABC heißt:
Man wird mit euch fertig werden.

Denkt nur nicht nach, was ihr zu sagen habt:
Ihr werdet nicht gefragt.
Die Esser sind vollzählig
Was hier gebraucht wird, ist Hackfleisch.

Aber das soll euch
Nicht entmutigen!

10

Wenn ich mit dir rede
Kalt und allgemein
Mit den trockensten Wörtern
Ohne dich anzublicken
(Ich erkenne dich scheinbar nicht
In deiner besonderen Artung und Schwierigkeit)

So rede ich doch nur
Wie die Wirklichkeit selber
(Die nüchterne, durch deine besondere Artung unbestechliche
Diener Schwierigkeit überdrüssige)
Die du mir nicht zu erkennen scheinst.

Bertolt Brecht Werke: Gedichte 1. Vol. 11. Berlin: Aufbau-Verlag, 1988; pp. 157, 163-4, 165.

The first poem from the Handbook for City-Dwellers
Part from your friends at the station
Enter the city in the morning with your coat buttoned up
Look for a room; and when your friend knocks:
Do not, oh do not, open the door
But
Cover your tracks

If you meet your parents in Hamburg or elsewhere
Pass them like strangers, turn the corner, don’t recognize them
Pull the hat they gave you over your face, and
Do not, oh do not, show your face
But
Cover your tracks

Eat the meat that’s there. Don’t stint yourself
Go into any house when it rains and sit on any chair that’s there
But don’t sit too long. And don’t forget your hat.
I tell you:
Cover your tracks

Whatever you say, don’t say it twice
If you find your idea in anyone else, disown them.
The man who hasn’t signed anything, who has left no picture
Who was not there, who said nothing:
How can they catch him?
Cover your tracks.

See when you come to think of dying
That no gravestone stands and betrays where you lie
With a clear inscription to denounce you
And the year of your death to give you away.
Once again:
Cover your tracks

(That is what they taught me)

Translated by Frank Jellinek


In diesem Gedicht befindet sich der Anstoß zu kommenden Gedanken und war mit einem Besuch in Israel der Anlaß sich hier auf diese Weise zu äußern. Das spurenlose Leben scheint bei Brecht hier eine menschenfeindliche Welt zu sein, bei der nicht ganz klar wird welcher Klasse er diese „Spurenlosigkeit“ zu schreibt, aber auf jeden Fall konstatiert er die Spurenlosigkeit als allgemeines Gesellschaftsphänomen, da hier das lyrische Ich ein Du als angesprochene Konstrastfolie gewählt hat. Sei zugeknöpft, zeige dein Gesicht nicht,  kein Grabstein soll verraten, also sei auch so unbekannt für andere dass du gar nicht erst verraten werden kann. Über die ironische Distanzierung versucht das Ich hier, so möchte ich unterstellen, eine Beschreibung moderner Sozialverhältnisse zu leisten aber auch anzuprangern worin eben diese bestehen. Deutlichkeit kann dazu führen, dass dir eine Meinung unterstellt wird, Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn. Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ. Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat. Wie soll der zu fassen sein! Das ganze Gedicht verdicht eine Haltung die man in eben genau dieser Zeit, als die Neue Sachlichkeit beschreibt.
Ich möchte im Folgenden in drei Schritten zeigen, dass Brechts Gedicht nie auf eine realite Entität zutraf, sondern vielmehr ein neurotische selbstreflektive Form der Beschäftigungstherapie ist, die sich nichts schlimmeres als sich selbst vorstellen kann. Ich will uns fragen, ob der in Brechts Gedicht konstatierte moderne Mensch und die damit verbundene Haltung auf unsere Zeitgenossen, also uns zutrifft, und ob damit tatsächlicher der Begriff Spurenlosigkeit gerechtfertigt ist. Der erste Fragenkomplex ist also:Sind wir feige spurenlose Menschen? Ist der neusachliche Mensch in seiner Spurenlosigkeit, das was wir im zusammenhang dieser Ausstellung Tourist nennen.  2. Und ist dieser Tourismus an einen Urlaub gebunden, kann man also eine gewisse Gentrifizierungsbewegung Tourismus nennen? Sind wir alle Touristen? Und als 3. soll im Vergleich zu ultraorthodoxen Gläubigen Juden die Frage gestellt werden wie sehr sich das Spurensuchen und das Spurenlegen nicht doch im sogenannten Postmodernen Leben findet. Ist also alle Misanthropie Quatsch und ist nicht das Spurenlegen eine anthropologische Konstante die nur in den unterschiedlichsten Symbolformen Techniken auftritt? Der Mensch ist gezwungen spuren zu legen? Durchs Unterscheiden.    
Wieso dieses großspurige pseudointellektuelle Gerede hier wichtig ist will ich gleich herausheben. Es ist ganz subjektiv und geht somit alle an. Wenn wir wirklich dieser Tage alle ein fragmentieres Postmodernes Leben führen würden, keine engen Bindungen mehr einzugehen in der Lage wären, wenn alle Verbindlichkeit wie Spuren im Sand morgen wieder verschwunden seien würden, wenn alle Flexibilitätsimperative jeden von uns in totales fluides Sozialverhalten drängen, dann hätte die Stunde der Liebe geschlagen. Und das wär einfach nur Scheiße. Denn wenn ich wirklich damit rechne, dass meine Liebe morgen keinen Job mehr hat, keine Wohnung, oder einfach eine neue Attraktivät braucht, welchen anderen Weg läßt das der Liebe als konsumistisch, als Warenform zu funktionieren? In diesem Fall, kann nicht sein, was nicht sein darf. Aus diversen Gründen.
Nun aber zu endlich zur Frage eins, also zu dem was ich bisher nur unsausgesprochen vorausgesetzt habe. Sind wir Zeitgenossen der Neuen Sachlichkeit so wie sie Brecht in seinem Gedicht Verwisch die Spuren beschreibt? Eine ganze Generation von postmodernen Philosophen und Soziologen versucht in diversen Annäherungen den postmodernen Menschen zu beschreiben. So ziemlich jeder der bedeutenden Vertreter der Philosophie/Soziologie des 20. Jahrhunderts konstatiert Böses in Bezug auf die Gegenwart. Richard Sennetts Buch „the corrosion of character“ ist schlicht als „Der flexible Menschen“ übersetzt und unterstellt, das moderne Arbeitssysteme zur Auflösung der subjektiven Identität führen und die Menschen zu Driftern, also Schlittschuhläufern des Marktes werden. Der moderne Arbeitsethos erschöpft sich in Sachzwängen. Da wo ein Job ist, wird die ArbeiterIn hingehen, da wo sich eine Möglichkeit zum Geldverdienen bietet, wird Geld verdient....(...)Die Zeit das näher auszudifferenzieren haben wir hier nicht, doch kann man Sennetts Buch zusammenfassen in den Worten: Die Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse führt zu Fragmantiereung unserer Wertevorstellung, und birgt eine Gefahr den Wert der Verantwortung zu tauschen für die Lust am Möglichen. Der Grund dafür dass wir das alles überhaupt mitmachen führt Foucault zurück auf die moderne Ausführung von Machtverhältnissen. Die neoliberale Gouvernemantalität verpflichtet zu durch ausschließlich Markorientierte Führung zur Selbstführung. Wir spüren eine Verpflichtung uns selbst attraktiv und flexibel für den Markt bereit zu halten. Wir Joggen nach der Arbeit, wir essen gesund, so sehr dass der Geschmack weniger zählt, ich kenne viele Akademiker, die nur noch Arbeitsurlaub machen, weil ihnen das Arbeiten so viel Spaß macht, dass das ja selbst am Strand noch geht, das Gefühl eine wirkliche Liebesbeziehung würde die Karriere aufhalten ist in vielen Kreisen weit verbreitet. Auch in unseren. AkademikerInnen wissen wie man ein großes Bindungs I schreibt doch selten wie man ein Kind bekommt vor dem Abschluß der Promotion. Mit einem Wort biographische Effizenzsteigerung. Praktikum, Auslandssemester, Erweiterung der Arbeitserfahrung in alle Bereiche, nur nicht festlegen. Wenn man den Kapitalismus kritisieren will, muss man, so denke ich, so simple Argumente anführen. ... ausführen.
Das soll genug an Beispielen sein um die erste Frage mit Ja zu beantworten: Ja, unsere westliche Welt hat viel gemein mit der die Brecht anprangert. Wenn ich meine Biografie stets bis in hohe alter aufbessern muss, effizierter gestalten will, bleibt wenig Zeit sich auf den Stuhl setzten, den deine Eltern, die dir auch diesen schönen Hut geschenkt haben. Denn wer sich wie der Wind dreht, so ließe sich pathetisch sagen, hinterläßt keine Spuren, auch heute nicht. Dean MacCannell konstatiert dieses Wie-der-Wind-sein, als Tourismus. In seinen Buch „The Tourist. A New Theory of the Leisure Class“ fügt er zu den oben gennaten Merkmalen des modernen Menschen, zur Flexibilität und Identitätslosigkeit die paradoxe Forderung nach Authentizität noch hinzu. Egal, wie kurz und betrunken wir waren. Es war die Beste Zeit unseres Lebens. Wir gehen Backpacking nach Australien, Israel, Chile oder Taiwan und erhalten ein Gesamtbild der Gesellschaft innerhalb von zwei Wochen. Wir  treten frei oder organisiert heran an die Geburtsstätten der Kulturen und verstehen, was wir sehen. Wir leben Bildung. MacCannell und ich bezweifeln, das dass Alexander von Humboldt jemals anders gemacht hat. Und auch Homer, wird wohl sein Leben lang Tourist gewesen sein müssen, um diese Art Erfahrung so wertvoll aufgenommen zu haben. Columbus gings da nicht anders. Und auch der Arzt Gottfried Benn hat den menschlichen Körper wohl touristisch erlebt, um darüber diese Art Lyrik entstehen zu lassen.
Aber zurück zu uns: Wir lesen also den Reiseführer Lonely Planet und der zeigt uns die geheimen Bars der Szenen überall auf der Welt. Zeigt und welche die Tour in Rom ist, die echt Italiener am liebsten gehen, der sogenannte Geheimtipp ist die Garantie für das authentische Tourismusverhalten. Wo wirkliche Berliner hingehen. Keine Ahnung, wahrscheinlich zum Lachen in den Keller, mehr kann man über die aber auch nicht sagen. Wogegen sich dieses Authentische abgrenzt ist schwer zu sagen, auf jeden Fall gegen, das Normale und Ordinäre, das Einfache und das Unbedachte. Das variiert dann natürlich, denn Normal ist in Berlin je nach Blickwinkel, Bier, oder Nazis, oder Techno, oder eben Spazieren gehen. Wahrscheinlich ist Coolsein sogar gerade sehr normal. Aber was denn dann, was machen wir denn dann? Ich guck mal in den Lonely Planet, der sagt „Versuchen Sie sich in der Berlin bloß nicht normal anzuziehen, in Berlin kümmert sich niemand um einen bestimmten Stil, jeder kreiert seinen eigenen, also grau fällt auf in Berlin.“


Wo ist da nochmals Platz für meine Identität? Wir merken schon, wir gehen mit der Frage nach der Spurenlosigkeit selber ein wenig verloren.
Als Kontrastfolie zum Identitätslosen Menschen wird in der philosophischen und sozilogischen Literatur häufig auf die feste Daseinsform unsere Vorfahren verwiesen. Orthodoxe Gläubige, Menschen in Amt und Würden, in Zunft und Ehre. Per Geburt also. Das ganze nennen Wissenschaftler gerne Statisfaktorische Gesellschaft und bedeutet eben, das es mal Zeiten gab in denen die Menschen wussten, was Ihnen blüht nach der Schule, Lehre, Uni. Nämlich der Platz der Ihnen Vater und Gesellschaft zugedacht haben. Diese nicht verwirrten Zeiten werden häufig als glorreiche Zeiten der Identität beschrieben. Aber ich hab schon wieder vergessen, was daran so attraktiv war, das selbe zu machen wie der Vater. Der Alter Konflikt also aus Freiheit und der damit einhergehenden Verantwortung.
Wir sehen also, die alten Vorannahmen stimmen manchmal nur in eine Richtung. Überhaupt kann man sagen, dass die moderne Philosophie und Soziologie die Komplexität als Liebesbeziehung entdeckt zu haben scheint. Die Welt war sicher schon immer so Komplex doch haben wir heute eben erst die Sprache und die praktisch-theoretischen Werkzeuge um der Komplexität einigermaßen zu begegnen. Ich glaube ja das Problem rührt daher, dass nicht die Identität der Menschen verloren gegangen ist, sondern einfach nur die Sicherheit der Verknüpfungen. Worte sind arbiträr, so sagt der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure Anfang der 20. Jahrhunderts. Das meint soviel, wie dass es keinen notwendigen Zusammenhang zwischen den Worten und den Dingen gibt. Wenn wir auf etwas hinweisen, ist es eben das Verstehen der Anderen nicht gesichert. Nicht garantiert. Das war sicher nie anders, doch vertreibt sich die Wissenschaft der letzten 100 Jahre die Zeit damit darauf hin zu weisen, dass nichts garantiert ist, und führt dafür Gründe vom Krieg, über den Holocaust bis hin zur Unsicherheit des Geldverdienens an der Börse an und verstärkt damit die Unsicherheit natürlich noch. Doch all diese angenommene Unsicherheit führt nur vergröbert zur Identitätslosigkeit. Doch wenn man möchte kann man auch die zweite Frage mit Ja beantworten und sagen, dass all diese Unsicherheit und fehlende Orientierung zum Tourismus führt. Wir bleiben oberflächlich und, damit wir uns nicht verletzten, wir gehen überall hin und bleiben aber nirgends für lange. Wir hinterlassen keine Spuren. Obgleich das verwischen meist unbedacht von anderen übernommen wird.
Und damit sind wir endlich beim dritten Punkt dieses Monologs: Die Frage, ob das Meiste der modernen Analyse der Gesellschaft nicht ziemlich misanthropischer Zauber ist. Und in seiner menschenfeindlichen Haltung ein guter Nährboden für Millionen von Depressiven dieser Tage ist.  Also, müssen wir die oben mit Ja beantworteten Fragen nicht mit NEIN beantworten und sagen die Identität, die Verantwortung, die Lust, das Bleibenwollen, die Liebe ist eben nicht in die Wellen gespült worden. Immernoch hinterlassen Menschen sehr viel Verantwortungsvolle Spuren. Vielleicht sogar mehr denn je nur sind die Symbolformen andere geworden, nur sind die Ausgänge und Plattformen vielfältigere geworden. Wenn Freiheit das Gegenteil von Sich Abfinden ist. Dann sieht man ganz schön und deutlich die zwei Seiten der modernen Neoliberalen Welt. Denn auf der einen Seite bedienten sich noch nie soviel Menschen, nach dem Kant-Wort, ihres eigenen Verstandes, nehmen ihr Glück selbst in die Hand. Verkaufen, auf Tauschbörsen was sie zu viel haben, handeln auf Datingplattformen ihre Liebesbedürfnisse aus, und schärfen ihre die Erkennbarkeit ihres Selbst für andere in Sozialen Netzwerken wie Facebook. Und jetzt kommt das einzige nicht hastige Argument heute, welches etwas Zeit braucht: Nehmen wir an ein besonders gutes Beispiel für die reine Identität eines Menschen ist der Religiöse Mensch, in egal welcher Richtung. Ein Gottes, oder Abergläubiger Menschen dessen tiefes Verlangen zu Glauben von allen Vorfahren an ihn oder sie vermittelt wurde. Nehmen wir weiterhin an, dass eine besonders schöne, wie mir scheint, Form des religösen Glaubens, das ultraorthodoxe Judentum ist. Ein Glaube der sich  seiner Identität eben nicht Individuell versichert, sondern durch eine performative Aktualisierung. Das Beten der Tora rechtfertigt Gott ohne ihn zu benennen und ohne den Gläubigen in den Mittelpunkt der ganzen Veranstaltung zu setzten. Doch liegt die Verantwortung gegenüber Gott beim Sprechen/Aussprechen der Worte. Ich habe in Jerusalem Haredim gesehen, welche die Tora während des Telefonierens gesprochen haben. Die Vergegenwärtigung Gottes gelingt auch ohne Selbstkasteiung. Allerlei sogenannte Sünden können begangen werden, solange die Worte in das Getriebe der Welt fallen und damit die Anwesenheit Gottes vergegenwärtigen. Worte als solches machen den Unterschied und verringern die Unkenntlichkeit. Mit diesem Gedanken ist das Judentum einem Denker der mir bisher näher war gar nicht so fern und soll hier kurz zitiert werden, Heiner Müller spricht in seinem Stück die Horatier folgendes: "Nämlich die Worte müssen rein bleiben. Denn ein Schwert kann zerbrochen werden und ein Mann kann auch zerbrochen werden, aber die Worte fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar kenntlich machend die Dinge oder unkenntlich. Tödlich dem Menschen ist das Unkenntliche."  Das Sprechen der Tora macht die Dinge kenntlich. Das Sprechen ist die Kenntlichmachung der Existenz und ist eine sichere Methode Spuren zu hinterlassen. Wenn man dran glaub. Wer's glaub wird nicht selig, sondern findet eine kollektive Individualisierung.
Der Sprache wird im Judentum eine gewisse Magie zugeschrieben, die keine weltliche Instanz nötig hat. Keine Beichte wird zum Erreichen der Sündenfreiheit verwandt. Die Beichte im Christentum ist da ganz anders gelagert, da gibt es einen Jemand, der einen frei macht, das Individuum steht wieder im Mittelpunkt der Veranstaltung. Das Wesen ist weltlich im Christentum. Die Beichte produziert ein Über-Ich, welches dich unter Druck setzt und dir sogar deine Existenz absprechen kann. Du achtest darauf keine Sünden zu begehen, und wenn du sie begehst formulierst du sie so dem Beichtvater gegenüber dass er sie versteht. Die Sünde muss immer schon in der Sprache des Menschen, dem sie vorgetragen wird verfasst sein. Kirchliche Psychoanalyse und die erste Form der strengen neoliberalen Selbstkontrolle. Facebook ist genau dasselbe wie christliche Beichte, die institutionalisiert ist. Denn nichts von dieser alten identitätsfesten Form des Spurenlegens is bei uns Facebook-Usern anders! Denn wir posten, und hosten, liken, und streiken, poken und chocken, stroken und token?
Ich möchte mich hier dafür aussprechen, dass alles Facebooken eine Art Konfession, eine Beichte in sich trägt. Das Sünde notwendig ist für diese Beichte und das diese Art Abbitte leisten, eben eine anthropologische Konstante darstellt. Das war niemals anders. Von Jean Jacques Rosseaus Confessionen über das Tora murmeln bis zu den Facebook pots. Das alles ist eine identifikatorische Abgrenzungsmaßnahme, welche eine Vielfalt schafft, die man Leben nennt. Die Unterscheidung liegt in der Logik der Welt. Worte sind die erste Form der Unterscheidung. Schwarz auf Weiß. A ist nicht B. Bob Dylan ist nicht Neil Young.
Das posten auf Facebook ist eine neue Form der Unterscheidung zu anderen. Und es ist eine Art Beichte die, die Vergegenwärtig der eigenen Existenz sichert. Ich poste also bin ich. Mein Leben ist eine Like-Maschine. Die Konfession hat schlicht ein anderes Symbolverhalten angenommen. Kein Grund zu Welthass. Kein Grund sich in Erinnerung an alte Zeiten selbst zu hassen. Veränderungen erstmal ankommen lassen.
So viel dazu. → Tourismus ist schlicht das distinktive Suchen nach eine eigen Spur, ein Hoffen auf die eigene Lebendigkeit. Dickheads are pretty much always everywhere. So let it be.   


Selektive Wahrnehmung—> Der Mensch muss sich damit abfinden dass er/sie unterscheidungen und Limitierungen braucht, denn was wäre denn auch das andere. Ohne Unterscheidungen wäre das Wahrgenommene schicht das Wahrnehmende. Der Geist wäre seine Umwelt.