Lars Dreiucker *1983 Philosopher, Curator

 

Meine Fehler oder die Niederlage Apolls.


Geduld brauchts. Dem Fließenden gegenüber. Jedes Material und jede Situation, jeder Mensch und alle Idee hat eine andere, vielleicht sogar eigene Fließgeschwindigkeit. Sie ergibt sich aus einer Vielfalt gegenseitiger Abhängigkeiten und unterschiedlichen Gefällen und Materialien. Diese ergeben jenes Ding, was von Außen als Gefüge oder Rhythmik bezeichnet werden kann. Wenn uns ein Gefüge unbekannt ist sollte die Annäherung geduldig ausfallen. Kein Leben, kein Moment und kein Stück, egal wovon, ist in seiner Komplexität voll zu erfassen. Dass aber aller Kuchengenuss und alles Lesen und Lieben, alle Alltäglichkeit, vom Kaffeekochen bis zum Zähneputzten. Alles Reden und alles Lesen von mir mit der Geste der Souveränität ausgeführt wird, ist wirklich mein größtes Problem. Denn diese Geste ist nicht offen, sie ist nicht vielfältig und das schlimmste:nicht liebevoll. Nun hat die Philosophie ein Affinität zum Schreiben, das ist eine Schwarz auf Weiß Souveränitäts-Geltungs-Behauptung. Doch geht ja dem Schreiben ab und an ein Denken voraus, daher kann in dem schreibenden Schwarz auf Weiß ja etwas wie produktiver Zweifel, oder herzlich-kenntnisreiche Sensibilität stecken. Diese Fähigkeit des kenntnisreichen Zweifels bzw. der produktiven Sensibilität macht die Geduld möglich. 
In einer Zeit, die von neoliberalem Gehetze bestimmt ist. Also laut und aggressiv die Stille und Klugheit einfordert, ist Geduld sehr schwer zu machen. Ich will einmal etwas ganz Großes tun. Obwohl Handys und Produkte sich die ganze Zeit um Dich kümmern, ist dieser Satz, des ganz Großem ausschließlich auf die Außenwahrnehmung gerichtet. Großsein heißt dieser Tage, sichtbar sein und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Doch wer da zieht ist, solange es lächelnd und mit Unterstützung einer gewissen TradeMarke passiert, ist ziemlich egal. Das Selbst ist zwar Ziel aller Werbung, und jeder Marketingkampange, doch eben nur das Selbstbewußte. Das Selbst, was weiß, was es kaufen will, nicht das zweifelnde. „Wer tot ist, geht auf die Nerven“ singt PeterLicht. Kunden die zweifeln sind tot, denn sie kaufen vielleicht nicht. Betrunkene Partygäste kommen nicht in den Club. Weil sie zu wenig trinken werden und sich vielleicht im Zweifel überlegen wem sie überlegen auf die Fresse hauen werden. Souveräne Snobs aus den Feuilletons, die das ehrliche Clubleben beschreiben, können bezahlen und werden niemanden schlagen, können also reinkommen in den Club, weil sie ja auch allein sind, und viel mehr nüchtern. Wenn man die ohne Geld abschafft, merkt man gar nicht mehr, dass man reich ist.    
Das Material muss aber auch Boden zum Vertrauen bieten. Es gibt Material, was nur Großes will, was nur Großes zuläßt. Man muss eigentlich schon Mitglied sein. Denn die Forderung nach Revolution ist als Mitglied wirklich beliebt. Der Sozialist Matt Damon ist im Soho Club durchaus ein schönes Schauspiel. Der israelische Schriftsteller ist in der Agentur für Arbeit nicht wirklich nach seiner Meinung zur Revolution gefragt. Bzw. er würde nichts, kein Geld, beziehen, wenn er die homophoben und fremdenfeindlichen Tendenzen seines Sachbearbeiters kritisieren würde. Die Revolution beginnt im Alltag, könnte er sagen. Denn wer von uns will ihm helfen die deutschen Beamten zu aktualisieren? 
Wenn ich selbstverliebt bin und trotzdem auf Hilfe angewiesen bin, so bin ich allein. Ist jede Selbstverliebtheit souverän? 
Oben fiel das Wort Gefüge. Wer ist schuld wenn wir über Gefüge sprechen? Wer kann etwas ändern, wenn wir über Gefüge sprechen? Geduld, Bescheidenheit und Dankbarkeit der Zukurzgehaltenden führt zur Unterdrückung derselben. Wer ist daran schuld? 
Der Versuch der Souveränität ist keine Schande aber die Niederlage immernoch als solche zu verkaufen schon.